AfD – christlicher Fundamentalismus


Gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt sind konfessionsfreie Menschen auf PEGIDA-Demos seltener anzutreffen als Christen. So scheint es befremdlich, wie viele religionsfreie Menschen auf entsprechende Parolen der christlichen Rechtspopulisten hereinfallen.

Derzeit würden mehr als 10 Prozent der Deutschen die rechtspopulistische AfD wählen. Dabei scheint deren Strategie aufzugehen, mit halben Wahrheiten ganze Erfolge zu erzielen. Verkehrt wäre es, unbequeme Wahrheiten unter den Teppich zu kehren, denn mit Verschleierungsmanövern stärkt man diese Kräfte eher, als dass man sie schwächt. Auf diese Weise liefert man ihnen die Munition, um mit großem Getöse gegen “das Establishment” und die vermeintliche “Lügenpresse” anzugehen.

Fälschlicherweise geriet die AfD in den Ruf, eine Partei zu sein, die den säkularen Rechtsstaat gegen religiöse Dominanzmanöver verteidigt. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall, denn die AfD ist die Speerspitze des christlichen Fundamentalismus in Deutschland. Wer meint, die AfD wählen zu müssen, um die Privilegien der Religiösen zurückzudrängen, macht den Bock zum Gärtner.

Es ist kein Zufall, dass führende Vertreter der AfD aus der evangelikalen Bewegung bzw. dem rechtskatholischen Spektrum stammen. Diese vermeintlichen “Retter des Abendlandes” bekämpfen den Islamismus nicht, um eine offene Gesellschaft etwa gegen ihre Feinde zu verteidigen, sondern um den erzreaktionären, illiberalen Normen der christlichen Rechten zum Durchbruch zu verhelfen.

In der öffentlichen Debatte hört man davon wenig, denn die Fundamentalisten innerhalb der AfD wissen, dass eine offensichtlich christlich-fundamentalistische Partei in Deutschland kaum Wählerstimmen erhalten würde. Nach den Misserfolgen der “Partei bibeltreuer Christen” oder der “Partei der christlichen Mitte” verfolgt die christliche Rechte seit geraumer Zeit eine neue politische Strategie, die religiösen Hintergründe ihrer Kampagnen zu verschleiern. Sie besetzen zwar noch immer die gleichen “christlichen Kampfgebiete”, etwa den “Schutz der Familie” oder den “Schutz des Lebens”, geben dem Ganzen jedoch einen scheinbar säkularen Anstrich, auf den leider viele hereinfallen.

Die AfD lehnt ferner den staatlichen Einzug der Kirchensteuer ab. So vermuten manche dahinter eine laizistische, kirchenkritische Bewegung. Allerdings lehnen alle Evangelikale und Rechtskatholiken die Kirchensteuer schon seit vielen Jahren ab, weil sie die enge Anbindung der Kirchen an den Staat als eine Gefahr für die Glaubensfestigkeit ihrer Mitglieder interpretieren. In ihren Augen sollten die Kirchen eine unabhängige Kampforganisationen des Glaubens sein, die als staatsferne Institutionen Widerstand gegen den liberalen, als „kulturzersetzend“ empfundenen Zeitgeist leisten. Tatsächlich jedoch steht die AfD felsenfest an der Seite jener christlichen Reaktionäre, die mit ihren liberaleren Glaubensbrüdern und -schwestern schon seit langem eine erbitterte Auseinandersetzung um die religiöse und politische Deutungshoheit führen. Die Argumentation gegen Kirchensteuern bedeutet also keineswegs, dass sie für eine säkulare Gesellschaft kämpft.

Somit scheint die Strategie der Verschleierung der religiösen Hintergründe bestens aufzugehen. Kampagnen und Netzwerke der christlichen Rechtspopulisten tragen Namen, die ihre ideologische Herkunft auf den ersten Blick nicht verraten: “Zivile Koalition e.V.”, “Initiative Familienschutz”, “Demo für alle”, Aktion “Lebensschützer“ u.a.m. Inhaltlich stehen dahinter die gleichen Denkweisen, mit denen christliche Glaubensstreiter schon seit Jahrzehnten gegen den vermeintlich liberalen Zeitgeist ankämpfen. Neu daran ist nur, dass sie dank der veränderten Kommunikationsstrategie auch außerhalb des rechten christlichen Spektrums Gehör finden, z.B. mit ihrem Modell der „heiligen Familie“. Die AfD-Vizevorsitzende Beatrix von Storch, kämpft gegen die vermeintliche „Übersexualisierung der Jugend“ und gegen den Sexualkundeunterricht in Baden-Württemberg. Dies ist ein altes Kampfgebiet der christlichen Rechten. Der Sexualkundeunterricht ist ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Gegen freizügige Filme oder harmlose Aufklärungsserien der Jugendzeitschrift Bravo laufen sie seit Jahrzehnten Sturm. In ihren Vorstellungen von “moralischer Sittlichkeit” unterscheiden sich die rechten AfD-Christen zudem nur wenig von strenggläubigen Muslimen.

Wie Islamisten leiden auch AfD-Christen unter massiver Homophobie. Sie fühlen sich von der sogenannten “Schwulenlobby” bedrängt und beklagen den sogenannten “Genderwahn”. Das ist innerhalb ihres Denkmodells verständlich, denn die religiöse Ideologie beruht auf der vermeintlich “gottgewollten” Unterscheidung der Geschlechter. Im Modell der “heiligen Familie” gibt es einen Mann und eine Frau, die selbstverständlich heterosexuell sind und zu Ehre Gottes Kinder zeugen, die sie im Sinne des tradierten Wertekanons erziehen. Für sexuelle Zwischenformen und alternative sexuelle Orientierungen gibt es in dieser Sichtweise keinen Platz. Damit ist es Storch & Co. gelungen, punktuell viele Menschen für Protest zu mobilisieren. Im christlich-konservativen Spektrum gibt es seit jeher ein beachtliches Reservoir an Menschen, die von der sogenannten “sexuellen Revolution” überfordert sind.

Nun lassen sich allerdings Homosexualität und Transsexualität auf biologische Faktoren zurückführen, was die rechtskonservative Angst vor der angeblich gefährlichen “Schwulenpropaganda” verstärkt. Angesichts der biologischen Faktenlage ist es schlicht wahnhaft, zu glauben, dass ein weltoffener Sexualkundeunterricht oder die sogenannte “Gender-Ideologie” Menschen in Schwule oder Transsexuelle verwandeln könnte, sofern sie eine solche Veranlagung nicht ohnehin schon in sich tragen.

Beatrix von Storch und die AfD verfügen über beste Kontakte zu anderen konservativ-katholischen und evangelikalen Netzwerken. Bemerkenswert ist die reibungslose Zusammenarbeit in diesem Spektrum über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Offenbar haben sich Reaktionäre aller Länder im Kampf gegen den liberalen Zeitgeist vereinigt: Russisch-orthodoxe, katholische und evangelikale. Die Ultras verfolgen nahezu die gleiche rückwärtsgewandte Agenda. So gibt auch deutliche Parallelen zur US-amerikanischen Tea Party-Bewegung. So startete die AfD zunächst auch mit einem wirtschaftsliberalen Programm und entwickelte sich dann mehr und mehr in Richtung des christlichen Rechtspopulismus. Wie die Tea Party hat sich auch die AfD auf das Modell der christlichen Normfamilie eingeschworen und für ein radikales Verbot von Abtreibung und Sterbehilfe stark gemacht. Normalerweise kann man mit einem solch rigiden “No Sex, No Drugs, No Rock’n Roll!”-Programm in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen, aber bislang haben nur wenige hinter die Fassade dieser Partei geschaut.

AfD erscheint eher nicht als “Alternative für Deutschland”, sondern als “Alternative für Doofe” oder “Alternative für Desinformierte”. Doch wer bringt kein Verständnis für Protestwähler auf, da Bürgerinnen und Bürger kein allzu großes Vertrauen mehr in die etablierten Parteien haben. Regieren diese doch oft an den Interessen der Bevölkerung vorbei. Aber aus diesem Grund sollte jedoch niemand in die Verlegenheit kommen, ausgerechnet die AfD zu wählen. Für Protestwähler, die keine chauvinistischen, christlich-fundamentalistischen Positionen haben, gibt es deutlich bessere Alternativen.


Dieser Beitrag fußt auf einem Interview mit Michael Schmidt-Salomon vom 11. Feb 2016, in ganzer Länge zu finden beim
Humanistischen Pressedienst