Ratzingers 90. Geburtstag


Anlässlich des 90. Geburtstages von Ex-Papst Ratzinger laufen im Fernsehen viele Dokumentationen zu dem Mann, dessen größte Tat ganz sicher darin bestand, das Amt des Bischofs von Rom mangels Eignung wieder abgelegt zu haben. Sind wir gesamtgesellschaftlich glücklich darüber, dass der bittere Kelch seines Projektes zur theologischen Vereinnahmung des Begriffes der Vernunft folgenlos an uns vorüber gezogen ist. Erneut aber frage ich mich, welch ein Gottesbild sich in Ratzingers Gehirn Platz geschaffen haben mag.

Eine diesbezüglich sehr wichtige Denkanregung finde ich in einer Abschrift eines sehr interessanten Vortrages des Theologen, Philosophen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann, dessen Entzug der Lehrerlaubnis, und auch die anschließende Suspendierung vom Priesteramt, von Josef Ratzinger, damals noch Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation, hinter den Kulissen vorbereitet wurde:

„Als Papst Benedikt XVI 2011 den Reichstag zu Berlin besuchte, um den Vertretern des deutschen Volkes zu erläutern, welche Aufgabe der Religion zukomme, wusste er nicht besser zu sagen, als dass Religion benötigt werde als metaphysischer Hintergrund zur Stabilisierung der Grundwerte, der Begriffe der Gerechtigkeit, der Menschenwürde. Die Vorstellung ist, dass wir das Zusammenleben in einem Staatenverband am besten ermöglichen, wenn wir Gott als Ableitungsgrund für das, was Wert bedeutet und Recht beinhaltet, annehmen dürfen.

Gott letztlich als derjenige, der im Hintergrund des Bürgerlichen Gesetzbuchs als Autor und Autorität auftaucht, und es projiziert sich in unendlicher Form die Forderung der sittlichen und juridischen Gerechtigkeit in die Absolutheit des Gottesbildes selbst hinein. Bleibt es dabei stehen, ist Gott ständig ambivalent, strafend notfalls. Ein solcher Gott, genagelt ans Kreuz schließlich, bleibt eine Chiffre der verinnerlichten Gewalt, der permanenten Angst, der Unheimlichkeit im Grund unseres Daseins.“ („Wozu Religion?“, Vortrag v. 17. Juni 2013, Wiener Rathaus)

Wenn man aus dieser Perspektive einmal das Verhältnis von Staat und Kirche betrachtet, wird sogleich klar, weshalb sich bis heute fast alle Bundestagsabgeordneten weigern, über eine konsequente Trennung von Staat und Kirche auch nur nachzudenken. So versteht man auch viel besser den Streit um die Formulierung eines Gottesbezuges oder deren Streichung in den Landesverfassungen, wie ganz aktuell in Hessen, oder letztes Jahr in Schleswig Holstein.

Offenbar hat ein Großteil unserer Volksvertreter noch nicht wirklich realisiert, dass Religion und Gott für immer weniger Bundesbürger eine echte Bedeutung haben, und wenn doch, dann kaum noch in innerer Bindung an die Kirchen und deren tradierten Moralvorstellungen, aber das nur nebenbei.

Im Gespräch mit vielen Gläubigen und auch Theologen jedenfalls habe ich immer wieder entsetzt festgestellt, dass die Vorstellung von Gott als im Grunde zwar gütigem, letztlich aber auch strengem und strafendem Richter offenbar nach wie vor weit verbreitet ist.

Ausgehend von der oben zitierten Aussage von Eugen Drewermann müsste man also annehmen, dass das Bestrafungsbedürfnis dieser Leute sozusagen ins Göttliche projiziert wird, und ihre „Beziehung“ zu Gott sich gebildet hat adäquat zu den als belohnend oder strafend erlebten und tief verinnerlichten Gestalten der Elternautorität.

Psychologisch betrachtet erscheint das ganze pseudointellektuelle Gequatsche streng konservativer Theologen so gesehen lediglich als Ausdruck einer zutiefst infantilen Frömmigkeitshaltung, die darin besteht, das Über-Ich, die Strafängste und Belohnungshoffnungen der Kindheit also, mit Gott zu verwechseln, und den Infantilismus als Tugendideal durch das ganze Leben zu tragen und womöglich sogar für allgemeingültig zu erklären. Man macht sozusagen aus seinen Kinderängsten einen Beruf, indem man als kirchliche oder politische Autorität bestimmte Moralvorstellungen zum Maßstab der Sittlichkeit erhebt.

So versteht man einen Josef Ratzinger ganz gut, dem ich eine Abschrift des oben erwähnten Vortrags von Eugen Drewermann gerne zum 90. Geburtstag schenken würde, da er, Ratzinger,  ja immer beteuert, dass er die noch verbleibende Zeit seines Lebens vorwiegend mit lesen verbringen möchte…

von Volker Brokop

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