Friedrich Engels: „Der Triumph des Glaubens!


Ein Heldengedicht in vier Gesängen“

In demselben Monat, als Engels‘ Schrift „Schelling und die Offenbarung“ erschien, gab die Reaktion ihm erneut direkten Anlass, gegen sie öffentlich zu Felde zu ziehen.

Ende März 1842 wurde Bruno Bauer, der durch sein offenes Bekenntnis zum Liberalismus erneut das Missfallen der Reaktion erregt hatte, das weitere Lehren an der Bonner Universität untersagt und ihm die licentia docendi entzogen.

Als Antwort auf diesen Racheakt der Reaktion verfasste Engels mit Edgar Bauer, dem Bruder Bruno Bauers, „Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: Der Triumph des Glaubens“.

Wie Engels‘ Schelling, der Philosoph in Christo, so war auch dieses „Christliche Heldengedicht in vier Gesängen“ ein ausgesprochen satirisches Pamphlet, das den Kampf der Junghegelianer gegen die Kräfte der theologischen Reaktion zum Gegenstand hatte.

Als Fabel diente der Parodie die „schreckliche, jedoch wahrhafte und erkleckliche Historia von dem weiland Licentitaten Bruno Bauer; wie selbiger vom Teufel verführt, vom reinen Glauben abgefallen, Oberteufel geworden und endlich kräftiglich entsetzt wurde“.

Wie in seinen vorigen Werken unterzog Engels an Hand dieser „Historia“ ironisch die Theologen samt der Bibel einer beißenden Kritik. Voller Spott über die unfruchtbare und nutzlose Beschäftigung der Vernunft mit dem Alten Testament, die da „gleich dem Wurm in altem Moder wühlet“, verhöhnt der Teufel dabei die fünf Bücher Mosis als „alt und rostig“, die wohl für den Glauben, „des Vorurteiles Knecht“, aber nicht für den freien Gedanken akzeptabel seien.

Noch viel grimmiger als den Pentateuch attackiert Engels die Theologen. Er tituliert sie als „Buchstabenknechte“, deren Tun Sophistik und gleißend frommer Trug sei und die in ihrer dunstigen Küche solange kochen und braten, bis alles Denken erstickt sei.

Die Verse gerieten den Autoren zu einer flammenden Anklage gegen die wissenschaftsfeindlichen Umtriebe der orthodoxen Dunkelmänner, die die Analyse und Kritik der Bibel, ihres historischen Ursprungs und Werdegangs zu verhindern trachteten und bemüht waren, den widersprüchlichen Charakter der biblischen Aussagen abzustreiten und zu leugnen.

Man spürte förmlich, wie es Engels, der es erfahren, erlebt und darunter gelitten hatte, drängte, den Theologen den wahren Charakter ihres Redens und Tuns nachzuweisen und ihnen grob wie sarkastisch zu sagen, was er von ihrer Mission hielt.

Dass Engels dabei insbesondere mit dem Pietismus abrechnete, verstand sich nicht nur aus seinem eigenen Erleben im heimatlichen Tal der Wupper, sondern vor allem aus der reaktionären Rolle dieser orthodoxen Restauration und ihrer absoluten Feindschaft wider die menschliche Vernunft und das menschliche Streben, das zu erreichen und zu verwirklichen, was gut und edel war.

Es war nicht zuletzt eine Persiflage auf die den Ketzergerichten gleichenden und alles verdammenden Zusammenkünfte der pietistischen Gemeinde in Wuppertal, wenn er die treuen Scharen im Kämmerlein ihrem Gott das Loblied singen ließ:

„O Herr, wir sind vor dir ein Aas,
Ein Pestgestank, ein Rabenfraß,
Im Schinderloch der Sünden!
Wir sind von Mutterleib grundschlecht,
Zertritt uns, so geschieht uns recht
Für unsre argen Sünden!
Wenn auch, dennoch hast du gnädig
Uns entledigt
Von dem Krebs, der uns beschädigt.
Du läßt uns in den Himmel ein
Zu deinen lieben Engelein
Und wäschest uns vom Schlamme.
Du hast den Bösen weggejagt,
Der uns stets Unruh‘ hat gebracht,
Friß ihn, und ihn verdamme!
Glüh3end sprühend in der Hölle
Schlimmster Stelle
Laß ihn braten
Für die schnöden Sündentaten!“

Aus diesem Holz war auch der Schuster geschnitzt, den Engels in dem Pamphlet danach auf einen Stuhl steigen und „schrecklich laut vom Höllenschwefelpfuhl“ predigen ließ, womit die Vernunft und die Revolution gemeint war.

Natürlich fehlten im Engels „Triumph des Glaubens“ nicht die Führer der Pietistenschar und der Theologen, die die eigentlichen Wortführer der Reaktion waren. Und sie werden alle mit vollem Namen in ihrer orthodoxen Besessenheit, als blindwütige Feinde gegen Atheismus und Wissenschaft vorgeführt: Krummacher, Sack, Leo, Hinzel, Mallet und Hengstenberg.

Besonders scharf geht Engels mit dem Dekan der Bonner theologischen Fakultät, Sack, ins Gericht. In dem Pamphlet stellte Engels den Kräften der orthodoxen Reaktion die Schar jener Denker und Revolutionäre gegenüber, die dafür gekämpft hatten, die Vernunft aus den Fesseln des religiösen Glaubens zu befreien und der Freiheit und der Menschenwürde zum Sieg zu verhelfen. Zu ihnen zählte er die Führer der Französischen Revolution und die großen Denker der französischen Aufklärung und des deutschen Bürgertums. Er stellte sie den religiösen Reaktionären entgegen und würdigte Voltaire, Hegel, Robespierre, Marat und Danton…

„Weshalb…hab‘ ich denn guillotiniert,
Weshalb, statt Gottesdienst, Vernunftdienst eingeführt,
Wenn wieder Unsinn herrscht, aristokrat’sche Laffen,
Ins Reich sich teilen mit den hirnverbrannten Pfaffen?“

Engels selbst als Oswald (Den Namen benutzte Engels zeitweise als Pseudonym D.K.) und Karl Marx erhalten in dem Pamphlet ihren Platz.

„Doch der am weitesten links mit langen Beinen toset,
Ist O s w a l d, grau berockt und pfefferfarb behoset,
Auch innen pfefferhaft, O s w a l d der Montagnard,
Der wurzelhafteste mit Haut und auch mit Haar.
Er spielt ein Instrument: das ist die Guillotine,
Auf ihr begleitet er stets eine Kavatine;
Stets tönt das Höllenlied, laut brüllt er den Refrain:
Formez vos bataillons! aux armes, citoyens!“

Karl Marx, ein „schwarzer Kerl aus Trier“, wurde in dem Pamphlet als tempramentvoller, leidenschaftlicher Kämpfer, als „markhaft Ungetüm“ charakterisiert.

„Er gehet, hüpfet nicht, er springet auf den Hacken
Und rastet voller Wut, und gleich, als wollt‘ er packen
Das weite Himmelszelt, und zu der Erde ziehn,
Streckt er die Arme sein weit in die Lüfte hin.
Geballt die böse Faust, so tobt er sonder Rasten,
Als wenn ihn bei dem Schopf zehntausend Teufel faßten.“

(Quelle: MEGA, I / 3, Friedrich Engels. Werke. Artikel. Entwürfe bis August 1844, Dietz Verlag Berlin 1985, S. 391 ff.; sowie MEGA I / 3, Friedrich Engels. Werke. Artikel. Entwürfe bis August 1844, Apparat, Dietz Verlag Berlin 1985, S. 1018 ff.)

Marx hatte seit Ende 1836 an der Berliner Universität die Rechte, vor allem aber Geschichte und Philosophie studiert und sich als Student den Junghegelianern angeschlossen. Nach dem Abschluss seiner Studien und der Fertigstellung der Dissertation verließ er jedoch, wenige Monate vor der Ankunft von Engels in Berlin, im April 1841 die Stadt, um die Universitätslaufbahn einzuschlagen, so dass Engels ihn in Berlin nicht mehr kennenlernen konnte.

Das Pamphlet – darin sind sich alle Biographen einig – war ein frontaler Angriff gegen die Religion und bestätigte und bekräftigte Engels‘ Worte, mit denen er in „Schelling und die Offenbarung“ das atheistische Wesen seiner Position umrissen hatte. „Alle Grundprinzipien des Christentums, ja sogar dessen, was man bisher überhaupt Religion nannte, sind gefallen vor der unerbittlichen Kritik der Vernunft.“

In satirischer Weise vorgetragen, wehte aus dieser Kritik der Geist einer leidenschaftlichen, humanistischen Parteinahme gegen die ideologische Reaktion, für die Würde der menschlichen Vernunft und den Fortschritt des Wissens, womit zugleich die charakteristischen Züge des mit ihr verbundenen Bekenntnisses zum Atheismus gegeben waren. Ohne bis zu den sozialen Grundlagen der Religion vorzudringen, war dieser Atheismus politisch fundamentiert und vornehmlich von dem Geist des Humanismus, des Rationalismus und der Aufklärung geprägt und bestimmt.

Engels verfasst ein Resümee seines Aufenthalts in Berlin. Er schreibt: Man wird um so mehr Anforderungen an mich machen als ich ‚philosophischer Musterreiter‘ bin und mir nicht durch ein Doktordiplom das Recht zu philosophieren erkauft habe. Ich denke, wenn ich wieder einmal, und dann unter eigenem Namen, etwas schreibe, diesen Anforderungen zu genügen. Und zudem darf ich meine Zeit jetzt nicht zu sehr zersplittern, da sie in kurzem wohl wieder durch kaufmännische Arbeiten mehr in Anspruch genommen werden wird.

Meine bisherige literarische Tätigkeit, subjektiv genommen, bestand aus lauter Versuchen, deren Erfolg mich lehren sollte, ob meine natürlichen Anlagen mir eine fruchtbare Wirksamkeit für den Fortschritt, eine lebendige Teilnahme an der Bewegung des Jahrhunderts gestatten. Ich kann mit dem Erfolg zufrieden sein und halte es nun für meine Pflicht, durch ein Studium, das ich mit doppelter Lust fortsetze, mir auch das immer mehr anzueignen, was einem nicht angeboren wird.

Nach Beendigung seiner einjährigen Militärdienstzeit verließ Engels Anfang Oktober 1842 Berlin und kehrte nach Barmen zurück. In Köln unterbrach er seine Reise, um dort Karl Marx und die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ aufzusuchen. In dieser Zeitung hatte er Anfang April 1842 seinen ersten Artikel veröffentlicht. Aber Engels traf Marx auch in Köln (noch) nicht an.

Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Dirk Krüger, Wuppertal
Die Darstellung des Lebens und Wirkens von Friedrich Engels wird fortgesetzt.