Mathilde F. Anneke


Volkswehr-Ordonnanz und „Befreiung des Weibes“

geb. 03.04.1817 (Sprockhövel-Hiddinghausen)
gest. 25.11.1884 (Milwaukee, USA)

Obwohl konservativ katholisch erzogen, wurde Mathilde Franziska Anneke eine der führenden Persönlichkeiten der demokratischen Vormärzbewegung und der 1848er Revolution in Deutschland sowie der US-amerikanischen Frauenbewegung. Auch setzte sie sich gegen die Sklavenhaltung in den USA ein. Sie war den Werten des Humanismus zutiefst verpflichtet, überzeugt von der Gleichheit aller Menschen und abgestoßen von religiösen Dogmen.

Mathilde Franziska wurde als älteste Tochter (von insgesamt zwölf Kindern) des Bergwerkbesitzers Karl Giesler in Zeiten finanzieller Not mit dem Mülheimer Weinhändler Alfred von Tabouillot verheiratet. In dieser „Vernunftehe“ wurde sie alsbald Opfer häuslicher Gewalt, sodass sie mit Töchterchen Johanna zu ihren Eltern zurückkehrte und die Scheidung einreichte.

annekeAls geschiedene Frau lebte sie im westfälischen Münster von der Schriftstellerei und gehörte rasch zum Freundeskreis von Annette von Droste-Hülshoff. In dieser Zeit brach sie mit der Religion und schrieb u.a. ein katholisches Gebetbuch für Frauen unter dem Titel: „Von Göttern, die der Mensch in seiner Not erschuf“. Daneben begann sie journalistisch zu arbeiten, so z.B. für die Kölnische Zeitung und die in Augsburg erscheinende Allgemeine Zeitung. Letztere war die zu dieser Zeit einflussreichste deutschsprachige Zeitung, auch Heinrich Heine schrieb für sie.

Bei Zusammenkünften des demokratischen Vereins lernte sie ihren zweiten Ehemann kennen, den ebenfalls in Münster stationierten Artillerie-Leutnant Fritz Anneke, der 1847 schließlich wegen Verweigerung eines Duells unehrenhaft aus der preußischen Armee entlassen wurde. Am 3. Juni dieses Jahres heirateten die Beiden und ließen sich in Köln nieder. Dort wurden sie zum Mittelpunkt einer Zusammenkunft, aus der später der Kölner Arbeiterverein entstand. Mathilde Franziska Anneke lernte Karl Marx und Friedrich Engels kennen und beschäftigte sich nun auch mit den tagespolitischen Themen des Vormärz. Während der „Märzrevolution“ 1848 gründete sie die Neue Kölnische Zeitung, deren erste Ausgabe im September des Jahres erschien, aber bald der Zensur zum Opfer fiel. Mathilde Franziska versuchte, sie unter dem Tarnnamen Frauen-Zeitung fortzuführen, doch auch diese musste ihr Erscheinen nach der dritten Ausgabe einstellen.

In der Frauen-Zeitung trat Frau Anneke nicht nur für demokratische Strukturen und feministische Ziele ein, sie sympathisierte auch mit den sogenannten „Deutschkatholiken“. Diese gesellschaftliche Strömung, die auch in Wuppertal-Elberfeld ihren Anfang nahm, wehrte sich gegen die starren und reaktionären Dogmen der Kirche und engagierte sich für soziale und liberale Ideale in einem geeinten Deutschland. Aus ihr ging letztlich der heutige Humanistische Verband in NRW K.d.ö.R. hervor.

In Köln, so schrieb Mathilde Franziska Anneke, stand es im Herbst 1848 so, „daß sich hier gewiß keine deutschkatholische Gemeinde bilden könnte, ohne daß sich die Leute bei den Ohren kriegten, ohne daß es Prügelei und Mord und Todtschlag gäb‘. Das ist auch noch ‘ne Ursache, warum man die Kinder nicht zu früh zur Religion abrichten und besonders den Pfaffen nicht die Aufsicht über die Schulen lassen darf“ (Frauen-Zeitung Nr. 1 v. 27.09.1848).

Im weiteren Verlauf der Revolution – Mathilde Franziska hatte nun auch einen kleinen Sohn, nach dem Vater Fritz genannt – befehligte Fritz Anneke 1849 die Artillerie der „Pfälzischen Volkswehr“, eine Truppe von etwa 1200 Mann, wobei Mathilde Franziska ihrem Mann als Ordonnanz und Kurier zur Seite stand. Die Annekes pflegten engen Kontakt zu linken Volkswehr-Offizieren und wurden zusammen mit diesen von der Revolutionsregierung kurzzeitig festgenommen, da sie einen Kompromiss mit den anrückenden preußischen Monarchisten ablehnten (der ehemalige preußische Offizier Anneke wäre wegen Verrats hingerichtet worden). Als im Juli 1849 preußische Truppen mit der Einnahme der Festung Rastatt die Revolution endgültig niederschlugen, floh das Ehepaar wie viele andere „48er“ ins US-amerikanische Exil.

Im März 1850 ließ sich das Ehepaar Anneke schließlich in Milwaukee nieder. Mit journalistischer Tätigkeit sowie Vorträgen über die deutsche Politik und Literatur verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt. Mathilde Franziska brachte ihren zweiten Sohn, Percy Shelley, zur Welt und im April 1852 erschien die erste Ausgabe ihrer deutschsprachigen Frauen-Zeitung in Milwaukee. Dies war ein radikales Blatt im Sinne der vollständigen Gleichberechtigung; die „American Woman’s Rights Movement“ wurde rasch auf sie aufmerksam. Schon 1853 trat Mathilde Franziska Anneke zum ersten Mal vor einer amerikanischen Frauengemeinschaft in New York auf. Fortan hielt sie flammende Reden gegen Prohibition, Nationalismus, Klerikalismus und Ungleichheit der Geschlechter. Sie engagierte sich gegen die Sklaverei und unterstützte die Abolitionisten. 1855 wurden ihre Zwillinge Herta und Irla geboren. 1860 reiste Mathilde Franziska noch einmal nach Europa, um dort journalistisch zu arbeiten. Das Ehepaar trennte sich, ließ sich aber nie scheiden. 1865 kehrte sie nach Milwaukee zurück und trat auf mehreren Kongressen der „National Woman Suffrage Association“ als deren erste Vize-Präsidentin auf. Stets blieb sie dabei ihren humanistischen und religionskritischen Grundsätzen treu. 1880 trat Mathilde Franziska Anneke zum letzten Mal öffentlich auf und hielt eine vielbeachtete Rede beim Frauenkongress in Milwaukee. Sie starb im Alter von 67 Jahren.

1988 ehrte die Deutsche Bundespost Mathilde Franziska Anneke mit einer Briefmarke der Serie „Frauen der deutschen Geschichte“. Am Kölner Rathausturm wurde sie auf Betreiben des Kölner Frauengeschichtsvereins und finanziert von der Kölner Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen durch eine Skulptur geehrt. Sechs deutsche Städte haben Straßen nach Mathilde Franziska Anneke benannt und auch die Sprockhöveler Hauptschule trägt ihren Namen.

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von Dr. Armin Schreiner, Sprockhövel

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