AfD – christlicher Fundamentalismus


Gemessen am Bevölkerungsdurchschnitt sind konfessionsfreie Menschen auf PEGIDA-Demos seltener anzutreffen als Christen. So scheint es befremdlich, wie viele religionsfreie Menschen auf entsprechende Parolen der christlichen Rechtspopulisten hereinfallen.

Derzeit würden mehr als 10 Prozent der Deutschen die rechtspopulistische AfD wählen. Dabei scheint deren Strategie aufzugehen, mit halben Wahrheiten ganze Erfolge zu erzielen. Verkehrt wäre es, unbequeme Wahrheiten unter den Teppich zu kehren, denn mit Verschleierungsmanövern stärkt man diese Kräfte eher, als dass man sie schwächt. Auf diese Weise liefert man ihnen die Munition, um mit großem Getöse gegen “das Establishment” und die vermeintliche “Lügenpresse” anzugehen.

Fälschlicherweise geriet die AfD in den Ruf, eine Partei zu sein, die den säkularen Rechtsstaat gegen religiöse Dominanzmanöver verteidigt. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall, denn die AfD ist die Speerspitze des christlichen Fundamentalismus in Deutschland. Wer meint, die AfD wählen zu müssen, um die Privilegien der Religiösen zurückzudrängen, macht den Bock zum Gärtner.

Es ist kein Zufall, dass führende Vertreter der AfD aus der evangelikalen Bewegung bzw. dem rechtskatholischen Spektrum stammen. Diese vermeintlichen “Retter des Abendlandes” bekämpfen den Islamismus nicht, um eine offene Gesellschaft etwa gegen ihre Feinde zu verteidigen, sondern um den erzreaktionären, illiberalen Normen der christlichen Rechten zum Durchbruch zu verhelfen.

In der öffentlichen Debatte hört man davon wenig, denn die Fundamentalisten innerhalb der AfD wissen, dass eine offensichtlich christlich-fundamentalistische Partei in Deutschland kaum Wählerstimmen erhalten würde. Nach den Misserfolgen der “Partei bibeltreuer Christen” oder der “Partei der christlichen Mitte” verfolgt die christliche Rechte seit geraumer Zeit eine neue politische Strategie, die religiösen Hintergründe ihrer Kampagnen zu verschleiern. Sie besetzen zwar noch immer die gleichen “christlichen Kampfgebiete”, etwa den “Schutz der Familie” oder den “Schutz des Lebens”, geben dem Ganzen jedoch einen scheinbar säkularen Anstrich, auf den leider viele hereinfallen.

Die AfD lehnt ferner den staatlichen Einzug der Kirchensteuer ab. So vermuten manche dahinter eine laizistische, kirchenkritische Bewegung. Allerdings lehnen alle Evangelikale und Rechtskatholiken die Kirchensteuer schon seit vielen Jahren ab, weil sie die enge Anbindung der Kirchen an den Staat als eine Gefahr für die Glaubensfestigkeit ihrer Mitglieder interpretieren. In ihren Augen sollten die Kirchen eine unabhängige Kampforganisationen des Glaubens sein, die als staatsferne Institutionen Widerstand gegen den liberalen, als „kulturzersetzend“ empfundenen Zeitgeist leisten. Tatsächlich jedoch steht die AfD felsenfest an der Seite jener christlichen Reaktionäre, die mit ihren liberaleren Glaubensbrüdern und -schwestern schon seit langem eine erbitterte Auseinandersetzung um die religiöse und politische Deutungshoheit führen. Die Argumentation gegen Kirchensteuern bedeutet also keineswegs, dass sie für eine säkulare Gesellschaft kämpft.

Somit scheint die Strategie der Verschleierung der religiösen Hintergründe bestens aufzugehen. Kampagnen und Netzwerke der christlichen Rechtspopulisten tragen Namen, die ihre ideologische Herkunft auf den ersten Blick nicht verraten: “Zivile Koalition e.V.”, “Initiative Familienschutz”, “Demo für alle”, Aktion “Lebensschützer“ u.a.m. Inhaltlich stehen dahinter die gleichen Denkweisen, mit denen christliche Glaubensstreiter schon seit Jahrzehnten gegen den vermeintlich liberalen Zeitgeist ankämpfen. Neu daran ist nur, dass sie dank der veränderten Kommunikationsstrategie auch außerhalb des rechten christlichen Spektrums Gehör finden, z.B. mit ihrem Modell der „heiligen Familie“. Die AfD-Vizevorsitzende Beatrix von Storch, kämpft gegen die vermeintliche „Übersexualisierung der Jugend“ und gegen den Sexualkundeunterricht in Baden-Württemberg. Dies ist ein altes Kampfgebiet der christlichen Rechten. Der Sexualkundeunterricht ist ihnen schon lange ein Dorn im Auge. Gegen freizügige Filme oder harmlose Aufklärungsserien der Jugendzeitschrift Bravo laufen sie seit Jahrzehnten Sturm. In ihren Vorstellungen von “moralischer Sittlichkeit” unterscheiden sich die rechten AfD-Christen zudem nur wenig von strenggläubigen Muslimen.

Wie Islamisten leiden auch AfD-Christen unter massiver Homophobie. Sie fühlen sich von der sogenannten “Schwulenlobby” bedrängt und beklagen den sogenannten “Genderwahn”. Das ist innerhalb ihres Denkmodells verständlich, denn die religiöse Ideologie beruht auf der vermeintlich “gottgewollten” Unterscheidung der Geschlechter. Im Modell der “heiligen Familie” gibt es einen Mann und eine Frau, die selbstverständlich heterosexuell sind und zu Ehre Gottes Kinder zeugen, die sie im Sinne des tradierten Wertekanons erziehen. Für sexuelle Zwischenformen und alternative sexuelle Orientierungen gibt es in dieser Sichtweise keinen Platz. Damit ist es Storch & Co. gelungen, punktuell viele Menschen für Protest zu mobilisieren. Im christlich-konservativen Spektrum gibt es seit jeher ein beachtliches Reservoir an Menschen, die von der sogenannten “sexuellen Revolution” überfordert sind.

Nun lassen sich allerdings Homosexualität und Transsexualität auf biologische Faktoren zurückführen, was die rechtskonservative Angst vor der angeblich gefährlichen “Schwulenpropaganda” verstärkt. Angesichts der biologischen Faktenlage ist es schlicht wahnhaft, zu glauben, dass ein weltoffener Sexualkundeunterricht oder die sogenannte “Gender-Ideologie” Menschen in Schwule oder Transsexuelle verwandeln könnte, sofern sie eine solche Veranlagung nicht ohnehin schon in sich tragen.

Beatrix von Storch und die AfD verfügen über beste Kontakte zu anderen konservativ-katholischen und evangelikalen Netzwerken. Bemerkenswert ist die reibungslose Zusammenarbeit in diesem Spektrum über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Offenbar haben sich Reaktionäre aller Länder im Kampf gegen den liberalen Zeitgeist vereinigt: Russisch-orthodoxe, katholische und evangelikale. Die Ultras verfolgen nahezu die gleiche rückwärtsgewandte Agenda. So gibt auch deutliche Parallelen zur US-amerikanischen Tea Party-Bewegung. So startete die AfD zunächst auch mit einem wirtschaftsliberalen Programm und entwickelte sich dann mehr und mehr in Richtung des christlichen Rechtspopulismus. Wie die Tea Party hat sich auch die AfD auf das Modell der christlichen Normfamilie eingeschworen und für ein radikales Verbot von Abtreibung und Sterbehilfe stark gemacht. Normalerweise kann man mit einem solch rigiden “No Sex, No Drugs, No Rock’n Roll!”-Programm in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen, aber bislang haben nur wenige hinter die Fassade dieser Partei geschaut.

AfD erscheint eher nicht als “Alternative für Deutschland”, sondern als “Alternative für Doofe” oder “Alternative für Desinformierte”. Doch wer bringt kein Verständnis für Protestwähler auf, da Bürgerinnen und Bürger kein allzu großes Vertrauen mehr in die etablierten Parteien haben. Regieren diese doch oft an den Interessen der Bevölkerung vorbei. Aber aus diesem Grund sollte jedoch niemand in die Verlegenheit kommen, ausgerechnet die AfD zu wählen. Für Protestwähler, die keine chauvinistischen, christlich-fundamentalistischen Positionen haben, gibt es deutlich bessere Alternativen.


Dieser Beitrag fußt auf einem Interview mit Michael Schmidt-Salomon vom 11. Feb 2016, in ganzer Länge zu finden beim
Humanistischen Pressedienst

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Atheisten-Verfolgung?


Benachteiligung nicht-religiöser Menschen in Deutschland

Ja, Menschen ohne religiöses Bekenntnis sind auch in der Bundesrepublik Deutschland bis heute Bürger zweiter Klasse. Das wurde kürzlich wieder bei der Neubesetzung des ZDF-Rundfunkrates deutlich. Dort gibt es nun zwar für 4 % Moslems einen Platz, nicht aber für das Drittel konfessionsfreie Beitragszahler. Die allseitige kirchliche Lobbyarbeit hat für „saubere Reihen“ gesorgt.

Im Jahr 2012 veröffentlichte die Internationale Humanistische und Ethische Union (IHEU) erstmals einen Bericht mit dem Titel „Freiheit des Denkens“ zur Diskriminierung von Humanisten, Atheisten und anderen nicht-religiösen Menschen. Auch der Bundesrepublik Deutschland attestiert dieser Bericht seinerzeit „schwere Benachteiligung“ und die zahlreichen gesetzlichen Privilegien der Kirchen.

Konfessionsfreie und nichtreligiöse Menschen haben in der Bundesrepublik zwar die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte oder Chancen. Diese rund 25 Millionen Menschen haben oftmals die schlechteren Karten: auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungssystem, in der Politik, in den Medien und in der öffentlichen Wahrnehmung. Auch das herrschende Recht kennt lediglich eine formale Gleichstellung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, orientiert sich aber faktisch an den Interessen der Groß-Kirchen.

glaeserne-waende-01Der Bericht „Gläserne Wände“ des HVD (s. links) beschreibt die Benachteiligungen von Menschen ohne religiöses Bekenntnis und erläutert politische und rechtliche Hintergründe anhand von Fallbeispielen. Ferner macht er Vorschläge, wie die Politik Benachteiligungen abbauen könnte – wenn sie wollte.

Hingegen wird derzeit eine Art Kirchen-Kartell sichtbar. Das widerspräche dem Gebot zur Gleichbehandlung im Grundgesetz und zeugt von mangelndem Respekt und fehlender Wertschätzung gerade für den Einsatz nichtreligiöser Menschen für eine pluralistische Gesellschaft und ihren innere Zusammenhalt.

Weitere Infos unter gibt es auf
www.glaeserne-waende.de

 

Ev. Kirche verliert „Platz Eins“


Die Überraschung im Jubeljahr 2017: Die Evangelische Kirche in Wuppertal wird ihren Platz als größte weltanschauliche Gruppierung verlieren.

Die Lutheraner wollen aus dem Jahr 2017 etwas Besonderes machen – so auch in Wuppertal. Andere hingegen warten schon heute auf das Ende des protestantischen Reformationsjubels. Vielleicht bleibt uns die Bezeichnung „Reformationsstadt“ als offizielles Etikett erspart. Der Hype um die Ausstellung zur „Barmer Theologischen Erklärung“ von 1934 ist evtl. auch vorbei, zumal die Zufälligkeit des damaligen Tagungsortes der Bekenntnissynode eigentlich kein echtes Lokalkolorit bietet. Die Bedeutung dieser eigentlich theologischen Erklärung liegt wohl mehr darin, dass sich die eher wohlmeinenden Protestanten nach der politischen Katastrophe der „Deutschen Kirche“ und ihrem Führer nach etwas anderem umsehen wollten bzw. mussten.

2017 in WptEine bisher ungeahnte und somit unbeachtete Tatsache lässt sich den trockenen Zahlen des „Zensus2011“ (1) entnehmen: Aufgrund der laufenden Auszehrung des Mitgliederbestandes wird die Evangelischen Kirche den „Platz Eins“ der weltanschaulichen Gruppierungen in Wuppertal an die Konfessionsfreien abgeben!

Aller Voraussicht nach wird 2017 die Mitgliederzahl der Ev. Kirche in Wuppertal auf 107.000 gesunken und die Zahl der Konfessionsfreien auf ebenfalls 107.000 gestiegen sein. Das bedeutet Gleichstand von 31,5% in Wuppertal. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass jährlich rd. 1,5% der Gläubigen der Ev. Kirche den Rücken kehren (2).

Daraus werden freilich nicht gleich „waschechte“ Atheist/innen, aber aus der Kirchen-Statistik sind sie heraus und können somit nicht mehr als „Nachweis“ einer vermeintlichen Stärke benutzt werden. Ohnehin sind diese Angaben fraglich, solange es z.B. bei Diakonie, ev. Kitas etc. quasi Zwangsmitgliedschaft gibt.

Quellen
(1) http://www.it.nrw.de/statistik/z/zensus_2011/gemeindeblaetter/B05124.pdf
(2) http://www.aktuell.evangelisch.de/inhalte/122905/17-07-2015/mitgliederzahlen-beiden-grossen-kirchen-deutschland-gehen-weiter-zurueck

 

 

Selbstbestimmung bis zum Lebensende


Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht die Möglichkeit, das Leben selbstbestimmt beenden zu können. Daher ist die strafrechtliche Verschärfung der gegenwärtigen Rechtslage im Bereich Suizidbeihilfe abzulehnen. Auch fast alle Strafrechtsexperten lehnen eine Verschärfung der geltenden Rechtslage ab.

Schwerkranken und leidenden Sterbewilligen muss die Möglichkeit erhalten bleiben, selbstbestimmt auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten und auf Hilfe bei der Lebensbeendigung zurückzugreifen. Es gibt einfach Situationen, in denen Leiden und Schmerz nicht mehr zu ertragen sind. Dann soll es kontrollierbare Suizidbeihilfe, ärztliche Suizidassistenz geben.

Doch was interessiert es die Mehrheit der Bundestagspolitiker? Obwohl die Bevölkerungsmehrheit eine Liberalisierung der Sterbehilfe fordert, planen gewählte Volksvertreter, die seit 140 Jahren bestehenden Möglichkeit der Sterbehilfe einzuschränken und gar jede Form professioneller Freitodbegleitung zu verbieten. Es ist vermutlich ein christliches Problem: Exponierte Protagonisten sind Mitglied der „Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD“ (Brand), der „Synode der EKD“ (Griese), des „Zentralkomitees der Deutschen Katholiken“ (Dörflinger), stellvertretender Bundesvorsitzender des „Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung“ (Sensberg) und anderes mehr.

Die Gegner der Sterbehilfe berufen sich auf das Christentums, dass nur ihr Gott über den Tod bestimmen darf. Sie wollen nicht, dass man im Notfall mit professioneller Hilfe auf geordnete und sanfte Weise aus dem Leben scheiden und sein Leiden beenden kann.

Warum soll es nicht ein dichtes Netz von Suizidkonfliktberatungsstellen geben, die ähnlich ergebnisoffen arbeiten wie die Schwangerschaftskonfliktberatung? Über das Ende des eigenen Lebens selbst entscheiden zu können, ist nicht verwerflich. Bisher ist nur „die Tötung auf Verlangen“ verboten. Doch nun schicken sich Bundestagsabgeordnete an, auch die bisher zulässige Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe zu verbieten.

Obwohl die allermeisten Menschen es wohl nie vollziehen würden, bleibt es wichtig, das Recht auf autonome Lebensbeendigung grundsätzlich in der eigenen Hand zu haben. „Mehr Fürsorge statt Strafrecht“ heißt der Gesetzentwurf von Künast (Grüne) und Sitte (Linke) und will allen Menschen ein würdiges Lebensende, die letztendliche Entscheidung und Selbstbestimmung belassen. Immerhin ist es seit 1871 gestattet, Menschen beim Suizid Hilfe zu leisten. Voraussetzung muss die „Freiwillensfähigkeit“ sein. Menschen die Selbstbestimmung an ihrem Lebensende abzusprechen, ist eine zutiefst unmoralische Anmaßung.

Weitere Infos

Kurzinfo „Mein Ende gehört mir
mehr unter www.letzte-hilfe.de

Position des HVD „Am Ende des Weges
hier eine aktuelle Pressemitteilung

Die vier Gesetzentwürfe zur Suizidbeihilfe

Wissenschaftliche Tagung “Assistierter Suizid

Organisierte Suizidhilfe in Deutschland
Video-Doku zur Podiumsdiskussion mit
HVD, Giordano-Bruno-Stiftung, Humanistische Union
Einführung von Erwin Kress bei Youtube

Lebensende“ – Themen-Schwerpunkt
der Zeitschrift „Engels“ 12/2014
zur Einführung „Wie wollen wir sterben?

 

„Moses“ jetzt auch in Dortmund

Vom 23.-25. Juni ist „Moses“ in Dortmund zu sehen, weil 2019 dort ein evangelischer Kirchentag stattfinden soll. Tja, warum nicht; jedoch will der Stadtrat von Dortmund am 25. Juni. über eine finanzielle Bezuschussung in Höhe von 2,7 Mio. € abstimmen. Tja, warum nicht; jedoch ist es wichtig sich klar zu machen, wer die Musik bestellt und wer sie bezahlt. Daher also ist „Moses“ in Dortmund zu sehen – ähnlich wie in neulich in Münster – und verkündet erneut das 11te Gebot, das da lautet: „Du sollt deinen Kirchentag selbst bezahlen!“ (www.11tes-gebot.de)

Religion ist nicht vergleichbar mit Sport- und Kulturförderung

Häufig wird der Forderung, die Subventionierung von Kirchentagen einzustellen, entgegengehalten, dass der Staat dann auch Kultur und Sport nicht fördern dürfe. Doch diese Ansicht verkennt, dass Religionen und Weltanschauungen einen Spezialfall bilden: Während die Schaffung kultureller Einrichtungen in § 8 Absatz 1 der Gemeindeordnung von NRW ausdrücklich erwähnt wird – würde die Förderung konfessioneller Glaubensfeste dem Verfassungsgrundsatz der Trennung von Staat und Kirche widersprechen: „Der Gedanke der Fürsorge des Staates in Glaubensangelegenheiten ist dem Grundgesetz fremd.“ (Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, Band 44, S. 37 [52 f.])

Auch das Bundesverwaltungsgericht hat hervorgehoben, dass das Neutralitätsgebot mit wachsender kultureller und religiöser Vielfalt und bei einem sich vergrößernden Anteil bekenntnisloser Menschen zunehmend an Bedeutung gewinne. Die tradierte Praxis der einseitigen Bevorzugung der christlichen Kirchen muss daher einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche weichen. Auch die Säkularisation ist eine Säule unserer Werteordnung – höhlen Sie die weltanschauliche Neutralität nicht aus, indem Sie das Grundgesetz gerade da missachten, wo es besonders darauf ankommt: Bei der Finanzierung! hier mehr dazu

P.S.: Für Wuppertal wird’s auch interessant, wenn die Stadtkasse von der ev. Kirche zur Kasse gebeten würde. Dies könnte etwa geschehen für den nicht bestellten Titel „Reformationsstadt“. Oder wenn die Stadt Wuppertal auf dem sog. „Europäischen Stationenweg“ zu einem Netzwerk der Reformationsstädte verbunden werden soll.

Und falls jemand das für eine Erfindung von Gottlosen halten sollte, so ist im Klartext zu lesen: „Der Reformator Martin Luther und seine Wirkungsstätten werden bereits jetzt für den 500. Jahrestag der Reformation 2017 fleißig vermarktet. Zur großen Reformations-PR-Maschinerie gehört auch der Titel ‚Reformationsstadt Europas‘, der bedeutenden Städten mit historischem Bezug zur Reformationszeit schon jetzt von der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) mit Sitz in Wien verliehen wird. Am Ende soll ein ‚Europäischer Stationenweg‘ die Reformationsstädte zu einem gesamteuropäischen Netzwerk verbinden. Reformationsgeschichte zum Pilgern und für Touristen, sozusagen. Unter anderem zählen bereits Speyer und die Lutherstadt Wittenberg, Wuppertal, Zürich, Straßburg und das finnische Turku zu den ‚Reformationsstädten Europas‘.“

Aber noch taucht der Name Wuppertal nicht unter den Geldgebern auf. Vielleicht ist ja für dieses Projekt die Stadtkasse geschlossen?!

Wie wollen wir sterben?


Die Debatte um die Sterbehilfe läuft

Die einen sagen, es sei stark und der letzte Ausdruck eines selbst bestimmten Lebens. Die anderen halten es für feige, wider den natürlichen Lauf der Dinge und können es nicht akzeptieren. Die aktive Sterbehilfe ist wieder einmal in der öffentlichen Debatte angekommen. Der Bundestag hat am 13. November angefangen, über das Thema zu debattieren – und das frei vom Fraktionszwang, was bedeutete, dass die Politiker sich ohne Parteivorgabe mit ihrer persönlichen Meinung äußern durften. Bis Ende 2015 wollen sich die Abgeordneten Zeit lassen. Im Zentrum steht die Frage, wie Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden kann, wenn überhaupt.

Zwei Fälle aus der jüngeren Vergangenheit haben besonders dazu beigetragen, dass über das freiwillige Sterben gesprochen wird – der Selbstmord des deutschen Fernsehmanns Udo Reiter und jener der Amerikanerin Brittany Maynard. „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide nachgelassen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner Selbstständigkeit rechnen muss“, schrieb Reiter in einer Erklärung, die er hinterlassen hat, bevor er sich selbst erschoss. Er wolle kein von anderen abhängiger Pflegefall sein. Der ehemalige Intendant des MDR war jahrelang Vorreiter dafür, dass Menschen ihr Leben dann beenden können, wann sie es wollen.

Nicht älter als 29 Jahre ist Brittany Maynard geworden. Ärzte diagnostizierten bei ihr einen unheilbaren Gehirntumor. Sie wolle nicht mit den krankheitsbedingten Veränderungen leben, sagte Maynard. Deshalb kündigte sie für den 1. November ihren Tod an. „Heute ist der Tag, den ich ausgewählt habe, um in Würde zu sterben“, schrieb sie im Internet, bevor sie im Kreise ihrer Familie ein tödliches Medikament einnahm. In vier US-Bundesstaaten ist es Ärzten erlaubt, solch ein Präparat bereitzustellen. Maynard wurde zum Gesicht der Initiative „Compassion & Choices“. Es gab Kritik, weil Maynard durch die Aufsehen erregende Kampagne unter Druck gestanden haben könnte, ihr Leben zum angegeben Termin beenden zu müssen.

Zurück nach Deutschland. Die Bevölkerung hierzulande, so scheint es, spricht sich größtenteils für die Sterbehilfe aus. Das geht zumindest aus mehreren Umfragen hervor. In der jüngsten, durchgeführt von Emnid, lehnten nur 17 Prozent eine Hilfe des Arztes durch Medikamente ab. Dabei muss man zwei Arten unterscheiden. Bei der aktiven Sterbehilfe geben die Helfer den meist schwer kranken Menschen Gift per Injektion oder zum Einnehmen. Diese Art ist in Deutschland im Gegensatz zur passiven Sterbehilfe aktuell noch illegal und wird „Tötung auf Verlangen“ genannt. Bis zu fünf Jahre Haft drohen selbst Angehörigen, wenn sie einem Menschen solche aktive Sterbehilfe leisten.

Bei der passiven Sterbehilfe schalten Ärzte lebenserhaltende Maßnahmen wie Beatmungsgeräte ab, der Patient stirbt schließlich auf natürliche Weise. In einem Großteil der Bundesländer lehnen die Ärztekammern zudem die „Beihilfe zur Selbsttötung“ ab, bei der die Ärzte entsprechende Medikamente bereitstellen, für deren Einnahme aber letztlich der Patient verantwortlich ist. Ärzten droht entsprechend ein Berufsverbot.

Zu beachten ist auch der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern. In wenigen europäischen Ländern ist Sterbehilfe für Kinder erlaubt. Erich Bethe von der gleichnamigen Stiftung engagiert sich unter anderem im Wuppertaler Burgholz für den Einsatz von Palliativmedizin bei Kindern. Für mehr als sechs Millionen Euro eröffnet dort im Frühjahr für zehn Kinder das 13. Hospiz, das die Bethe-Stiftung mitfinanziert. „Wir wollen den Kindern noch eine schöne Zeit bieten, die sie mit ihren Angehörigen verbringen können“, sagt Erich Bethe, und erteilt dem Ruf nach Sterbehilfe für Kinder aus seiner Sicht eine klare Absage.

Auch darüber berät nun der Bundestag. Der Wuppertaler CDU-Abgeordnete und Vizepräsident des Bundestages Peter Hintze war einer derjenigen, die die Gespräche mit angestoßen haben. Schwerstkranken solle geholfen werden, Ärzte bräuchten Rechtssicherheit, wiederholte Hintze bei der Debatte. „Es wäre ein Widerspruch, wenn Patienten einerseits das Recht haben, dass ihre medizinische Behandlung auch gegen ärztlichen Rat auf Wunsch jederzeit abgebrochen werden kann, ihnen andererseits aber eine ärztliche Hilfe bei der selbst vollzogenen Lebensbeendigung vorenthalten würde“, sagte Hintze. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) warnte davor, die „Selbsttötung zu glorifizieren“.

Dennoch – die Lawine ist losgetreten. Profitieren könnten davon diejenigen Menschen, die nach langer, reiflicher und vor allem freiwilliger Überlegung aus dem Leben scheiden wollen. Die Entscheidung läge dann bei ihnen selbst.

Links zum Thema:
www.dghs.de
www.dgpalliativmedizin.de
www.dhpv.de


Dieser Beitrag von Florian Schmitz erschien am 27. November 2014 in der Wuppertaler Programmzeitschrift ENGELS. Das Titelthema (12/14) lautete „LEBENSENDE“. Die Übernahme des Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Kultur-Kino-Bildung.de Verlag, Bochum.

 

Den Seinen gibt’s der Herr …


Staatliche Kirchen-Finanzierung

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Die Kirchen zeigen sich aktuell ansatzweise bereit, über die Ablösung der Staatleistungen zu reden. Da fragt man sich, ob die Kirchen die derzeit noch kirchenfreundliche Stimmung in den Parteien für Verhandlungen nutzen möchten, bevor die Kirchenmitglieder nicht mehr die Mehrheit in der Bevölkerung stellen. Ihr Anteil ist bereitsauf unter 60% gefallen.

frerk-carsten_300x362px_webHoffnung ziehen manche auch aus Urteilen des Europäischen Gerichtshofes, der die außergewöhnliche rechtliche Stellung der Kirchen in Deutschland in die Schranken weisen und gerade die Rechte der Arbeitnehmer in kirchlichen Einrichtungen stärken könnte.

Dazu referierte Carsten Frerk in der Alten Feuerwache im Mai 2015, der seit Jahren zu diesem Thema Bücher schreibt und Vorträge hält und so auch als Interviewpartner gefragt ist. Infos zum Thema Kirchenfinanzen gibt es auch über seine Website www.kirchensteuer.de

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„Staatsleistungen an die Kirchen ablösen!“ lautet ein Aufruf des KORSO-Dachverbandes religionsfreier Organisationen. Auch bei Monitor/WDR gibt es aufschlussreiche Recherche-Ergebnisse.

Nicht ganz aktuell ist die veröffentlichte Eröffnungsbilanz des Evangelischen Kirchenkreises Wuppertal für 2012 mit einer Bilanzsumme von € 7.825.253,21. Das Diakonische Werk Wuppertal schloss 2013 mit einer Bilanzsumme von € 5.524.239,35 ab. Bei der katholischen Fraktion ist die Transparenz vergleichsweise weniger entwickelt.

Man darf gespannt sein, wie sich „Kirchen-Finanzierung“ in Wuppertal auswirkt. Bekanntlich will die Evangelische Kirche der Stadt den Titel „Reformationsstadt“ andienen. Da fragt sich nicht nur der ungläubige Mensch:
Was wird das wohl kosten?

Kirchenaustritt

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Viele Menschen sind ohne ihr Zutun in eine Religionsgemeinschaft hineingetauft worden, sind ihr heute aber entfremdet und nehmen am kirchlichen Leben nicht teil. Dennoch bleiben sie häufig Mitglied in dem Glauben, ihre Kirchensteuer werde zu einem bedeutenden Teil für soziale Zwecke verwendet. Dies ist ein Irrtum.

Die Kosten von kirchlichen Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Altenheimen etc. werden weitgehend aus öffentlichen Steuermitteln finanziert oder von Elternbeiträgen, Krankenkassen etc. gedeckt. Nur ein kleiner Teil der Kirchensteuereinnahmen wird für öffentliche soziale Zwecke verwendet.

Man kann also erheblich mehr Gutes tun, wenn man aus der Kirche austritt und einen Teil des gesparten Geldes für einen gemeinnützigen Zweck seiner Wahl spendet als wenn man in der Kirche verbleibt.

Der Austritt erfolgt durch Erklärung beim Amtsgericht des ersten Wohnsitzes hat (Gebühr: € 30,-) oder durch Beglaubigung bei einer Notarin/einem Notar (zusätzliche Kosten). Von dort wird die Erklärung an das zuständige Amtsgericht weitergeleitet. Die Austrittserklärung kann nur höchstpersönlich abgegeben werden (Bevollmächtigung ist nicht zulässig).

Zum Austritt muss ein gültiger Personalausweis (oder Reisepass und Meldebescheinigung) mitgebracht werden. Es werden gefragt nach Familien- und Vorname, Tag und Ort der Geburt, Adresse, Familienstand sowie Bezeichnung der Kirche aus der ausgetreten wird.

Grundlegende Infos
für Kurzentschlossene
Info zum Ablauf

 

Was kostet Wuppertal die „Reformationsstadt“?


Neulich wurde die Reformation in Wuppertal entdeckt, genau genommen nicht IN sondern eigentlich FÜR Wuppertal (1). Nach dem Mikrozensus 2011 leben somit über 200.000 Menschen unter dem Label „Reformationsstadt“, ohne dass sie damit weiter etwas zu tun hätten: 80.000 Katholiken, 20.000 Muslime, 10.000 Orthodoxe, ferner einige Tausend Juden, Buddhisten und andere und dann auch noch 90.000 konfessionsfreie Menschen. Rund zwei Drittel der Bevölkerung in Wuppertal sind also Nicht-Lutheraner.

Refo-Stadt AusfahrtEs ist nicht bekannt, inwieweit an dieser Entdeckung auch Wuppertaler/innen beteiligt waren. Jedenfalls will die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) „das erlebnisreiche Zusammenspiel von Kunst, Kultur und Spiritualität [unterstützen] und fördert Geschichtsabenteuer und Tourismus in den Städten der Reformation.“ Dazu bietet die GEKE teilnehmenden Städten die „Nutzung der Wort-Bild-Marke ‚Reformationsstadt Europas’” an. (2)

Was kostet die Nutzung dieses Labels wohl?
Zur Förderung von „Geschichtsabenteuern“? Man darf letztlich gespannt sein, aus welchem Etat die klamme Stadtkasse die „Lizenzgebühr“ abzweigen wird. Welche Ratsfraktion hat den Mumm, diese Sache zum Thema zu machen?

Erst kürzlich sind einige Tausend Wuppertaler/innen der Intoleranz entschlossen entgegen getreten. Da hatten Salafisten und selbst ernannte Retter des „christlichen Abendlandes“ öffentlich provoziert. Die Betonung religiöser Identität verträgt sich nicht gut mit Weltoffenheit.

Die Stadt hat auch in ihrer Geschichte eine ansehnliche Reihe von Frauen und Männern hervorgebracht, die sich um die Aufklärung und den Humanismus verdient gemacht haben. Manche Namen dürften gut bekannt sein. Sie sind für freidenkerische und freigeistige Ideale unerschrocken eingetreten und mussten dafür oft Verfolgung und andere Nachteile in Kauf nehmen.

Wuppertal humanistischEingedenk dieser Wuppertaler/innen könnte auch der Namenszusatz „Stadt des Humanismus“ ein Ansporn sein und Vorbilder öffentlich in Erinnerung rufen. Die Nutzung dieses Labels wäre am Ende kostenlos.


(1) www.evangelisch-wtal.de/index.php/aktuelle-meldungen-leser/auszeichnung.html
(2) www.reformation-cities.eu

Religionsfrei feiern!


Wir wissen, dass die Menschen schon seit Urzeiten – lange vor dem Christentum – bestimmte Rituale und Lebensfeiern praktizierten, die ihren Sinn und Ursprung im menschlichen Miteinander sowie in der stetigen Auseinandersetzung mit der Natur hatten.

Den christlichen Missionaren und Eiferern ist es nur gelungen, die Menschen mit Feuer und Schwert zum Christentum zu bekehren. Anschließend wurde oft auch brutal ihre Kultur zerstört und den rituellen Feiern eine andere Deutung gegeben. So propagierten sie z.B.
* anstelle des Festes zur Winter-Sonnenwende das Weihnachtsfest oder
* das Osterfest zur Zeit des Frühlings / der Aussaat.

Als sie so die Menschen „bekehrt“ hatten, gingen die Missionare dazu über, den Lebensfeiern der Menschen christliche Symbolik überzustülpen. So die Taufe bei der Geburt, Firmung und Konfirmation, die Trauung (in Weiß!), bis hin zum Lebensende, wo man des christlichen Beistandes angeblich bedurfte, um nicht in der „Hölle“ und im „Fegefeuer“ die „ewige Qualen“ zu erleiden.

So sind den Menschen im Laufe von 2 Jahrtausenden Ängste und Furcht eingeflößt worden, von denen sie sich heute – im Zeitalter der Aufklärung – langsam befreien, und in der die Vernunft und die Erkenntnisse der Naturwissenschaften mehr und mehr den Aberglauben verdrängen.

Freidenker und weltliche Humanisten haben schon im 19. Jh. – vor allem in der Arbeiterbewegung – damit begonnen, Aufklärung zu betreiben und den Menschen eine selbstbewusste und selbstbestimmte Lebensperspektive zu eröffnen. Einer der Leitsätze war schon damals: „Die Religion ist das Opium des Volkes“ (K. Marx) oder „Glauben ist stets Nicht-Wissen“!

In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – vor allem nach dem 1. Weltkrieg und dem Sturz des Kaiserreichs – wurde den Herrschenden auch die Akzeptanz nicht-religiöser Lebensauffassungen abgerungen. So entstanden nach 1918 z.B. „Weltlichen Schulen“, die vor allem von den Kindern der fortschrittlichen Arbeiterbewegung besucht wurden und ganz bewusst auf eine nicht-religiöse Bildung und Erziehung setzten.

Auch andere weltlich-humanistische Feierrituale entstanden in dieser Zeit, z.B. die Jugendweihe anstelle der Firmung bzw. Konfirmation, an der damals in manchen Städten mehr Jugendliche teilnahmen als an den christlichen Feiern. Auch die Kultur alternativer Feiern zur Namensgebung, zur Hochzeit und zum Totenabschied haben ihren Ursprung in jenen 20er und 30er Jahren. Die Nazis haben nach der Machtergreifung auch diese fortschrittliche Bewegung zerschlagen und sind mit den Kirchen sogenannte „Konkordate“ (Staatsverträge) eingegangen, die z.T. bis heute nicht aufgehoben sind.

Nach dem 2. Weltkrieg haben die Freigeister und Freidenker diese Kultur wieder neu belebt. Leider wurde durch die Besatzungsmächte die Neugründung des Freidenkerverbandes zunächst verhindert, was dazu führte, dass sich die Bewegung spaltete. Das war mit einer der wesentlichen Gründe dafür, dass diese Bewegung nicht mehr so erstarkte wie vor dem 2. Weltkrieg.

Es entstanden neben dem Freidenkerverband weitere freireligiöse, freigeistige und humanistische Vereinigungen. Diese verfolgen bis heute in weiten Teilen vergleichbare Zielsetzungen. So benannte sich die freigeistige Landesgemeinschaft NRW 1993 in „Humanistischer Verband NRW“ um, behielt damit den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ und ist seither rechtlich formal den Großkirchen gleichgestellt. Von tatsächlicher Gleichstellung kann natürlich bis heute keine Rede sein.

Der HVD-NRW hat mit seinem Angebot an Sprechern und Zeremonienleitern für weltliche Lebens- und Trauerfeiern Beachtung gewonnen, befördert natürlich auch durch die anhaltende Abwendung der Menschen vor allem von den christlichen Großkirchen. In NRW bietet der HVD folgende religionsfreie Feierrituale an:

– Namensfeiern zur Geburt (anstelle einer Taufe)
– Jugendfeier (früher Jugendweihe)
– Weltliche Trauungszeremonien
– Weltliche Trauerfeiern
– Toten-Gedenkfeiern
– Feiern zum Jahreszeiten-Wechsel (Sonnenwende).

Neben einer persönlich gehaltenen Rede kommen an Ritualen in Frage:

Namensfeier
Wunschmusik, symbolische Aufnahme des neuen Erdenbürgers in die menschliche Gemeinschaft durch „Kreisbildung“, Steigenlassen von Luftballons mit guten Wünschen für den neuen Erdenbürger.

Jugendfeier
Seit vielen Jahren finden in auch Wuppertal am 2. Sonntag im Mai traditionell Jugendfeiern statt, die bisher gemeinsam von den Freidenkern Wuppertal und dem HVD Wuppertal angeboten werden. Dazu gibt es Vorbereitungswochenenden, wo die Jugendlichen sich mit eigenen Beiträgen auf die Feier vorbereiten. So ist dieses Fest inzwischen zu einer Feier der Jugendlichen selbst geworden, bei der auch die Verwandtschaft mit einbezogen wird.

Weltliche Trauungszeremonie
Vor allem hier haben in den letzten Jahren – meist über das Internet – Wünsche nach alternativen Zeremonien stark zugenommen. Neben einer persönlich gehaltenen Rede – auch mit durchaus lustigen Elementen –werden hier Elemente wie Entzündung einer Hochzeitskerze, Eheversprechen, Ringe- und Kusstausch angeboten.
Darüber stellt der HVD-NRW auch Urkunden aus, z.B. für das Stammbuch aus – verbunden mit dem Dienstsiegel -, was die Seriosität dieser Rituale unterstreicht.

Weltliche Trauerfeiern
Hier liegt zur Zeit noch eindeutig der Schwerpunkt der Arbeit. Neben einer persönlich gehaltenen Abschiedsrede ist es Ehrenkodex, dass keine christlichen Lieder vorgesungen und keine Gebete durch uns gesprochen werden. Klassische oder individuelle Musikwünsche berücksichtigen wir nach Möglichkeit, und statt eines Gebetes findet man immer ein passendes Gedicht, z.B. von Goethe, Hesse oder anderen Freigeistern.
Wenn jedoch einzelne Personen für sich unbedingt ein Gebet haben müssen, wird dieses in der Regel toleriert. Es ist zu bedenken, dass wir uns z.Zt. noch in einer Übergangsphase befinden, wo die Menschen sich allmählich an ein glaubensfreies Leben gewöhnen. Und da müssen wir es noch eine Zeitlang „aushalten“, dass die lange Tradition religiöser Rituale nicht von heute auf Morgen bei allen Menschen „abgeschaltet“ werden kann.

Toten-Gedenkfeiern
In Wuppertal – wie auch in anderen Städten – werden jährlich im November seit langem Gedenkfeiern durchgeführt. Dazu werden alle Angehörigen der im zurückliegenden Jahr bei Trauerfeiern verabschiedeten Menschen noch einmal zu einer gemeinschaftlichen Gedenkfeier eingeladen, an denen hier in Wuppertal durchschnittlich ca. 30 Personen teilnehmen. Zu einer kleinen Festrede, bei der der Verstorbenen gedacht wird, gibt es Live-Musik, und auch hier ist die Symbolik einer Kerzenentzündung für jeden Verstorbenen ein beliebtes Ritual.

Feiern zum Jahreszeiten-Wechsel
Sonnenwend-Feiern werden auch heute noch häufig praktiziert, z.B. bei den Naturfreunden zum 21. Juni und zum 21. Dezember. Auch RiBeL hat mit seinem Winterfest an diese Tradition angeknüpft.

So konnten die weltlichen Sprecher (z.B. des HVD-NRW) in den vergangenen Jahren wirksam dazu beitragen, den Menschen religionsfreies Gedankengut nahezubringen. Und dabei erleben wir immer wieder, wie fasziniert die Menschen von weltlich-humanistischem Gedankengut und von der einfachen Erklärung naturwissenschaftlicher Zusammenhänge sind.

Und nichts lieben die Menschen so sehr wie Feiern und Zeremonien – denn sie gehören seit Menschengedenken zum Leben dazu!

von Jürgen Köster, im März 2015

Religionsfreie in Wuppertal

Zahlen Wpt

Anfang 2014 hat sich RiBeL in der Alten Feuerwache in Wuppertal gegründet, um ein Forum zu schaffen zum Austausch für alle, die keiner Religionsgemein-schaft angehören, aber in Politik und Gesellschaft gehört werden wollen.

In Wuppertal liegt der Anteil der Konfessionsfreien bei 27% (Stand 2015: 30%). In den umliegenden Städten sieht es ähnlich aus und in Düsseldorf beträgt die Quote bereits über 50%.

Leider wird diesem Umstand in der Politik kaum Rechnung getragen; so sind konfessionsfreie Interessen nicht recht repräsentiert. RiBeL will auf diese Tatsache aufmerksam machen und tritt für Säkularisierung und Trennung von Staat und Religionsgemeinschaften ein.

Weltansch TorteWir sind an humanistischen und demokratischen Werten orientiert und offen für Menschen, die sich mit den Themen „Religion“ und „Kirchen“ kritisch auseinandersetzen wollen, wie Agnostiker, Atheisten und all diejenigen, denen Selbstbestimmung, Selbstverantwortung, Transparenz und Aufklärung wichtig sind.

Nähere Infos und Einladungen gibt es hier.