Selbstbestimmung bis zum Lebensende


Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht die Möglichkeit, das Leben selbstbestimmt beenden zu können. Daher ist die strafrechtliche Verschärfung der gegenwärtigen Rechtslage im Bereich Suizidbeihilfe abzulehnen. Auch fast alle Strafrechtsexperten lehnen eine Verschärfung der geltenden Rechtslage ab.

Schwerkranken und leidenden Sterbewilligen muss die Möglichkeit erhalten bleiben, selbstbestimmt auf lebensverlängernde Maßnahmen zu verzichten und auf Hilfe bei der Lebensbeendigung zurückzugreifen. Es gibt einfach Situationen, in denen Leiden und Schmerz nicht mehr zu ertragen sind. Dann soll es kontrollierbare Suizidbeihilfe, ärztliche Suizidassistenz geben.

Doch was interessiert es die Mehrheit der Bundestagspolitiker? Obwohl die Bevölkerungsmehrheit eine Liberalisierung der Sterbehilfe fordert, planen gewählte Volksvertreter, die seit 140 Jahren bestehenden Möglichkeit der Sterbehilfe einzuschränken und gar jede Form professioneller Freitodbegleitung zu verbieten. Es ist vermutlich ein christliches Problem: Exponierte Protagonisten sind Mitglied der „Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD“ (Brand), der „Synode der EKD“ (Griese), des „Zentralkomitees der Deutschen Katholiken“ (Dörflinger), stellvertretender Bundesvorsitzender des „Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung“ (Sensberg) und anderes mehr.

Die Gegner der Sterbehilfe berufen sich auf das Christentums, dass nur ihr Gott über den Tod bestimmen darf. Sie wollen nicht, dass man im Notfall mit professioneller Hilfe auf geordnete und sanfte Weise aus dem Leben scheiden und sein Leiden beenden kann.

Warum soll es nicht ein dichtes Netz von Suizidkonfliktberatungsstellen geben, die ähnlich ergebnisoffen arbeiten wie die Schwangerschaftskonfliktberatung? Über das Ende des eigenen Lebens selbst entscheiden zu können, ist nicht verwerflich. Bisher ist nur „die Tötung auf Verlangen“ verboten. Doch nun schicken sich Bundestagsabgeordnete an, auch die bisher zulässige Beihilfe zur Selbsttötung unter Strafe zu verbieten.

Obwohl die allermeisten Menschen es wohl nie vollziehen würden, bleibt es wichtig, das Recht auf autonome Lebensbeendigung grundsätzlich in der eigenen Hand zu haben. „Mehr Fürsorge statt Strafrecht“ heißt der Gesetzentwurf von Künast (Grüne) und Sitte (Linke) und will allen Menschen ein würdiges Lebensende, die letztendliche Entscheidung und Selbstbestimmung belassen. Immerhin ist es seit 1871 gestattet, Menschen beim Suizid Hilfe zu leisten. Voraussetzung muss die „Freiwillensfähigkeit“ sein. Menschen die Selbstbestimmung an ihrem Lebensende abzusprechen, ist eine zutiefst unmoralische Anmaßung.

Weitere Infos

Kurzinfo „Mein Ende gehört mir
mehr unter www.letzte-hilfe.de

Position des HVD „Am Ende des Weges
hier eine aktuelle Pressemitteilung

Die vier Gesetzentwürfe zur Suizidbeihilfe

Wissenschaftliche Tagung “Assistierter Suizid

Organisierte Suizidhilfe in Deutschland
Video-Doku zur Podiumsdiskussion mit
HVD, Giordano-Bruno-Stiftung, Humanistische Union
Einführung von Erwin Kress bei Youtube

Lebensende“ – Themen-Schwerpunkt
der Zeitschrift „Engels“ 12/2014
zur Einführung „Wie wollen wir sterben?

 

Wie wollen wir sterben?


Die Debatte um die Sterbehilfe läuft

Die einen sagen, es sei stark und der letzte Ausdruck eines selbst bestimmten Lebens. Die anderen halten es für feige, wider den natürlichen Lauf der Dinge und können es nicht akzeptieren. Die aktive Sterbehilfe ist wieder einmal in der öffentlichen Debatte angekommen. Der Bundestag hat am 13. November angefangen, über das Thema zu debattieren – und das frei vom Fraktionszwang, was bedeutete, dass die Politiker sich ohne Parteivorgabe mit ihrer persönlichen Meinung äußern durften. Bis Ende 2015 wollen sich die Abgeordneten Zeit lassen. Im Zentrum steht die Frage, wie Sterbehilfe gesetzlich geregelt werden kann, wenn überhaupt.

Zwei Fälle aus der jüngeren Vergangenheit haben besonders dazu beigetragen, dass über das freiwillige Sterben gesprochen wird – der Selbstmord des deutschen Fernsehmanns Udo Reiter und jener der Amerikanerin Brittany Maynard. „Nach fast 50 Jahren im Rollstuhl haben meine körperlichen Kräfte in den letzten Monaten so rapide nachgelassen, dass ich demnächst mit dem völligen Verlust meiner Selbstständigkeit rechnen muss“, schrieb Reiter in einer Erklärung, die er hinterlassen hat, bevor er sich selbst erschoss. Er wolle kein von anderen abhängiger Pflegefall sein. Der ehemalige Intendant des MDR war jahrelang Vorreiter dafür, dass Menschen ihr Leben dann beenden können, wann sie es wollen.

Nicht älter als 29 Jahre ist Brittany Maynard geworden. Ärzte diagnostizierten bei ihr einen unheilbaren Gehirntumor. Sie wolle nicht mit den krankheitsbedingten Veränderungen leben, sagte Maynard. Deshalb kündigte sie für den 1. November ihren Tod an. „Heute ist der Tag, den ich ausgewählt habe, um in Würde zu sterben“, schrieb sie im Internet, bevor sie im Kreise ihrer Familie ein tödliches Medikament einnahm. In vier US-Bundesstaaten ist es Ärzten erlaubt, solch ein Präparat bereitzustellen. Maynard wurde zum Gesicht der Initiative „Compassion & Choices“. Es gab Kritik, weil Maynard durch die Aufsehen erregende Kampagne unter Druck gestanden haben könnte, ihr Leben zum angegeben Termin beenden zu müssen.

Zurück nach Deutschland. Die Bevölkerung hierzulande, so scheint es, spricht sich größtenteils für die Sterbehilfe aus. Das geht zumindest aus mehreren Umfragen hervor. In der jüngsten, durchgeführt von Emnid, lehnten nur 17 Prozent eine Hilfe des Arztes durch Medikamente ab. Dabei muss man zwei Arten unterscheiden. Bei der aktiven Sterbehilfe geben die Helfer den meist schwer kranken Menschen Gift per Injektion oder zum Einnehmen. Diese Art ist in Deutschland im Gegensatz zur passiven Sterbehilfe aktuell noch illegal und wird „Tötung auf Verlangen“ genannt. Bis zu fünf Jahre Haft drohen selbst Angehörigen, wenn sie einem Menschen solche aktive Sterbehilfe leisten.

Bei der passiven Sterbehilfe schalten Ärzte lebenserhaltende Maßnahmen wie Beatmungsgeräte ab, der Patient stirbt schließlich auf natürliche Weise. In einem Großteil der Bundesländer lehnen die Ärztekammern zudem die „Beihilfe zur Selbsttötung“ ab, bei der die Ärzte entsprechende Medikamente bereitstellen, für deren Einnahme aber letztlich der Patient verantwortlich ist. Ärzten droht entsprechend ein Berufsverbot.

Zu beachten ist auch der Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern. In wenigen europäischen Ländern ist Sterbehilfe für Kinder erlaubt. Erich Bethe von der gleichnamigen Stiftung engagiert sich unter anderem im Wuppertaler Burgholz für den Einsatz von Palliativmedizin bei Kindern. Für mehr als sechs Millionen Euro eröffnet dort im Frühjahr für zehn Kinder das 13. Hospiz, das die Bethe-Stiftung mitfinanziert. „Wir wollen den Kindern noch eine schöne Zeit bieten, die sie mit ihren Angehörigen verbringen können“, sagt Erich Bethe, und erteilt dem Ruf nach Sterbehilfe für Kinder aus seiner Sicht eine klare Absage.

Auch darüber berät nun der Bundestag. Der Wuppertaler CDU-Abgeordnete und Vizepräsident des Bundestages Peter Hintze war einer derjenigen, die die Gespräche mit angestoßen haben. Schwerstkranken solle geholfen werden, Ärzte bräuchten Rechtssicherheit, wiederholte Hintze bei der Debatte. „Es wäre ein Widerspruch, wenn Patienten einerseits das Recht haben, dass ihre medizinische Behandlung auch gegen ärztlichen Rat auf Wunsch jederzeit abgebrochen werden kann, ihnen andererseits aber eine ärztliche Hilfe bei der selbst vollzogenen Lebensbeendigung vorenthalten würde“, sagte Hintze. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) warnte davor, die „Selbsttötung zu glorifizieren“.

Dennoch – die Lawine ist losgetreten. Profitieren könnten davon diejenigen Menschen, die nach langer, reiflicher und vor allem freiwilliger Überlegung aus dem Leben scheiden wollen. Die Entscheidung läge dann bei ihnen selbst.

Links zum Thema:
www.dghs.de
www.dgpalliativmedizin.de
www.dhpv.de


Dieser Beitrag von Florian Schmitz erschien am 27. November 2014 in der Wuppertaler Programmzeitschrift ENGELS. Das Titelthema (12/14) lautete „LEBENSENDE“. Die Übernahme des Artikels erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Kultur-Kino-Bildung.de Verlag, Bochum.